Dynamische Netzentgelte
Auftraggeber: dena
Ansprechpartner: Johanna Bronisch und Miriam Ruß
Projektpartner: FfE, UnternehmerTUM
Projektlaufzeit: 2026 bis 2027
Wärmepumpen, Wallboxen und Heimspeicher lassen die Lasten in der Niederspannung schneller wachsen, als sich das Netz ausbauen lässt. Statische Netzentgelte geben keinen Anreiz, flexible Verbraucher dann laufen zu lassen, wenn das Netz Platz hat. Dynamische Netzentgelte könnten diesen Anreiz setzen und so Netzausbau und Redispatch begrenzen. Ob das in der Praxis trägt, untersucht dieser Pilot des SET Hub Projekts der dena.
Worum es geht
Die Verteilnetze stehen unter doppeltem Druck: steigende Lasten durch elektrifizierte Verbraucher auf der einen, unkoordinierte Einspeisung kleiner PV-Anlagen auf der anderen Seite. Statische Netzentgelte bilden weder ab, wo noch wann das Netz knapp ist, und setzen entsprechend keine Lenkungswirkung. Mit § 14a EnWG und der laufenden Festlegung zur Netzentgeltsystematik (AgNeS) öffnet sich der Rahmen für dynamische Netzentgelte, die genau hier ansetzen. Ob sie in der Niederspannung tatsächlich netzdienliches Verhalten anreizen und Kosten senken, lässt sich nur empirisch klären. Dafür ist dieser Pilot da.
Neon führt das Konsortium als Auftragnehmer der dena und verantwortet die drei analytischen Arbeitspakete: die empirische Datenanalyse, die Berechnungssystematik für dynamische Netzentgelte und die Bewertung der Effekte auf Flex-Geschäftsmodelle. Auch die wissenschaftliche Einordnung der Ergebnisse liegt bei uns. Den Feldtest im realen Verteilnetz übernimmt unser Partner FfE, das begleitende Branchenaustauschformat mit Praxisakteuren UnternehmerTUM.
Vom statischen zum dynamischen Netzentgelt
Heute sind Netzentgelte arbeits- und leistungsbezogen, aber zeitlich konstant. § 14a EnWG hat 2024 einen ersten Schritt gebracht: Seit April 2025 müssen Verteilnetzbetreiber für steuerbare Verbrauchseinrichtungen zeitvariable Netzentgelte (Modul 3) anbieten, also feste Hoch-, Standard- und Niedriglastfenster. Diese Fenster stehen jedoch lange im Voraus fest und bilden die tatsächliche Netzsituation nur grob ab.
Dynamische Netzentgelte gehen weiter. Sie leiten das Preissignal aus der prognostizierten Netzauslastung ab und lassen sich day-ahead oder kurzfristiger setzen. Damit bilden sie die Grenzkosten des Stromtransports ab: In engpassfreien Zeiten liegen diese nahe Null, für den Bezug steigen sie an, wenn etwa in der Region gerade eine Importbeschränkung besteht. So internalisieren dynamische Netzentgelte die Kosten von Netzengpässen und liefern lokale Signale für Einspeisung und Verbrauch. Entscheidend ist, dass die Kombination aus Markt- und Netzsignal einen annähernd optimalen Anreiz für flexiblen Verbrauch setzt und so die Kosten des Gesamtsystems senkt. Genau diese Überlagerung von Markt- und Netzsignal steht im Zentrum des Pilots.
Der erhoffte Nutzen ist konkret: Weichen flexible Lasten wie Wärmepumpen, Wallboxen und Heimspeicher in Zeiten geringer Netzauslastung aus, sinkt der Bedarf an Netzausbau und Redispatch, und mehr erneuerbarer Strom wird lokal genutzt statt abgeregelt. Offen ist, wie stark Haushalte real auf solche Signale reagieren und ob sich der Effekt auf verschiedene Netztopologien übertragen lässt.
Unser Beitrag zum SET Pilotprojekt der dena
Preissignale und Lastverschiebung
Auswertung realer Lastgänge, Marktpreise und Verbrauchsprofile von Haushalten mit Wärmepumpe, E-Auto, Speicher und HEMS. Ziel ist die tatsächliche Preiselastizität verschiedener Anlagenkombinationen, als empirische Basis für das gesamte Projekt. Über Counterfactual-Analysen trennen wir den echten Effekt eines Preissignals vom ohnehin erwartbaren Verbrauch.
Berechnungssystematik für dynamische Netzentgelte
Ein Modell, das Netzengpässe in Preissignale übersetzt und dabei lokale Engpässe im Niederspannungsnetz ebenso abbildet wie die Wechselwirkung mit Markt und vorgelagerten Netzebenen. Grundlage sind nationale und internationale Umsetzungsansätze, abgeglichen mit dem deutschen Regulierungsrahmen und der laufenden AgNeS-Diskussion.
Wirkung auf Flex-Geschäftsmodelle
Simulation der überlagerten Preissignale: Wie verändern dynamische Netzentgelte Lastverschiebung, Netzauslastung und die Wirtschaftlichkeit von Aggregatoren, Lieferanten und weiteren Marktakteuren, und wo entstehen Zielkonflikte? Im Blick sind auch Verteilungsfragen, denn dynamische Netzentgelte können dazu führen, dass wenig flexible Verbraucher tendenziell höhere Netzentgelte tragen.
Aufbauend darauf erprobt FfE die Konzepte im Feldtest in einem realen Niederspannungsnetz über die intelligente Messsystem-Infrastruktur. UnternehmerTUM organisiert einen begleitenden Branchenaustausch mit Praxisakteuren; die wissenschaftliche Begleitung des Piloten liegt bei Neon.
Projektpartner und Aufbau

Auftragnehmer Neon, FfE und UnternehmerTUM mit assoziierten Partnern.



Einordnung
Der Pilot ist Teil des SET Hub der dena, gefördert vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Die Ergebnisse fließen in den regulatorischen Diskurs zur künftigen Netzentgeltsystematik ein. Anschlussfähig zu unserer Studie Dynamischer Stromtarif und Intelligentes Laden.
Häufige Fragen
Was sind dynamische Netzentgelte?
Netzentgelte, deren Höhe sich zeitlich an der prognostizierten Auslastung des Stromnetzes orientiert. Ist das Netz angespannt, steigt das Entgelt; in Stunden geringer Auslastung sinkt es. So entsteht ein Anreiz, flexiblen Verbrauch in günstige Zeitfenster zu verschieben.
Wie unterscheiden sie sich von zeitvariablen Netzentgelten nach § 14a EnWG?
Zeitvariable Netzentgelte (Modul 3) arbeiten mit festen, lange im Voraus definierten Lastfenstern. Dynamische Netzentgelte leiten das Signal aus der aktuellen Netzprognose ab und können day-ahead oder kurzfristiger gesetzt werden, bilden die Netzsituation also feiner ab.
Wann kommen dynamische Netzentgelte?
Ein konkreter Einführungstermin steht nicht fest. Die Bundesnetzagentur prüft den Ansatz im Rahmen der Festlegung zur Netzentgeltsystematik (AgNeS). Dieser Pilot liefert empirische Grundlagen für diese Diskussion.